Findling

Erste Advent
Es war noch gute zwanzig Grad warm am ersten Advent dieses Jahres. André von Oberfischbach trug ein Bündel trockner Äste unter dem linken Arm. Der achtzehnjährige war eine dürre verwahrloste Gestalt. Allen Anschein nach war er obdachlos. Er legte den Bündel nieder und ging an den Fluss. Seine Hände tauchten ins Wasser ein und kühlten sein schweißnasses Gesicht. Schweigend und von Kummer geplagt betrachtete er einige Minuten lang sein Spiegelbild. Plötzlich zog ein Geräusch innerhalb des Flusses seine Aufmerksamkeit auf sich. Etwas lebendes hatte sich im Treibholz und Steinen verfangen. André reckte und streckte sich. Doch in dem Chaos des Überlebenkampfes erkannte er nichts. Doch da ein Bein. Ach du Schreck es war ein Baby! Ein Menschen Baby. "Halt durch ich komme." Ohne weiter nachzudenken stürzte sich André in den kniehohen Fluss. Kämpfte sich Schritt für Schritt zu dem Kleinem empor und zog es schließlich aus dem Wasser. Es zitterte vor Kälte und war entblößt bis auf die Windel. André legte das weinende Baby in das Gras vor seinen Beinen und zog sein T-Shirt aus. Sanft wickelte er das Baby darin ein und versuchte es durch sachte Schwingungen wieder zu beruhigen. Friedlich schmatzend erholte sich das Kleine doch schnell von seinem Schock. "Na du kleiner Racker. Warst wohl etwas zu neugierig oder. Ich nehme dich mit in unser Dorf. Es wird bald Nacht und so nass wie du bist erkrankst du mir noch." André drückte den kleinen Jungen sanft an sich und machte sich auf den Rückweg. Sein Ziel ein abgebranntes Dorf mitten im Wald. Ein paar unfachmännisch gebaute Steinhäuser erstreckten sich auf dem kahlen, schwarzverkohlten Boden. Der Kleine begann zu schreien, als André versuchte möglichst leise an dem breitesten Gebäude vorbeizugehen. "Psst. Bitte der Häuptling darf dich nicht sehen." Ein älterer Mann kam auf sie. Hektisch versteckte er das Baby hinter seinem Rücken. "André?" "Ja." Der Mann baute sich vor ihm auf. "Was versteckst du da?" "Nichts. Aua. Man warum beißt du mich?" "Er wird wohl nicht gerne als nichts bezeichnet." Der ältere Mann blickt skeptisch von dem Baby mit dem Unschuldsblick zu André auf. "Ich ... Ich hab es gefunden?" "Wo?!" "Im Fluss." "Du konntest auch schon mal besser lügen. Bring es zurück. Du bist obdachlos mein Junge. Da kannst du dich nicht um so etwas kümmern." "Dann muss ich ihn aber wieder in den Fluss schmeißen!" "André! Ich weiß du magst Kinder aber eine Entführung geht zu weit." "Ich hab ihn nicht entführt man. Ich mag Kinder. Schau ihn dir doch mal an. Er ist patschnass. Ich werde ihn doch seiner Mutter wiedergeben aber der Kleine muss sich Aufwärmen und ich weiß nicht wo seine Mutter ist." "Okay aber pass auf. So ein kleines Kind weiß nicht das Feuer weh tun kann." "Peter ich bin doch nicht blöd." André drehte sich weg. "Bleib aber von Tina weg!" "Wieso? Ist etwas mit ihrem Kind?" "Sie hat es verloren." "Oh nein. Dabei hat's sie sich schon so drauf gefreut." "Bei dem Vater war das wahrscheinlich das Beste." "Hey ich bin auch nicht so wie mein dämlicher Vater." "Du hast mehr von ihm als du denkst. Du solltest versuchen dich mit ihm zu versöhnen." "Mit dem? Er hat mich doch einfach ausgesperrt. Ich war im doch nicht gut genug. Dem von und zu." Das Baby begann lautstark zuschreien. "Schon gut mein Kleiner. Ich bring dich so schnell ich kann zu Mama und Papa zurück aber zu erst ein bisschen Wärme okay." Er wurde wieder ruhig und gähnte herzhaft. Auf das schlafende Baby konzentriert lief er zu einem dieser Steinhäuser. Plötzlich baute sich eine Frau in seinem Alter vor ihm auf. "Tina! ... A ... Ähm ... Was machst du hier? I ... Ich muss w ... weiter." André wollte weiter doch sie versperrte ihm den Weg und verlangte wortlos nach dem Baby. "Ich ... Ähm ... Ich ... Du äh nein ich weiß nicht was du willst. Da ... Das das ist äh ... T-Shirt. Nur mein T-Shirt." Ihr Gesichtsausdruck wurde deutlich aggressiver und André gab nun doch nach. Er legte ihr den kleinen Jungen in die Arme, der sich offenbar sofort wohlfühlte. "Du armes Ding bist ja ganz nass und kalt. Hohl Holz schnell." "Ja ähm bei mir ist noch geschichtet." "Na dann schwing die Hufe." "Wie du auch?" "Natürlich oder kannst du ihm Milch geben wenn er Hunger bekommt." "Nee bin ja keine Frau." "Also." verwirrt davon das ausgerechnet seine Traumfrau mit kam eilte er voraus. Er stopfte Papierkugel zwischen das Holz und zündete es an. Dann kamen auch die Beiden rein. "Wenn er sich aufgewärmt hat soll ihn Heinz mal ansehen." "Wieso fehlt ihm was?" "Weiß ich nicht. Ist nur so ein Gefühl." "Na dann schau ich schnell das ich ihn noch aufhalte. Kann ich ihn dir überlassen?" "Sicher. Schau er schläft sogar schon." André warf einen Blick in sein T-Shirt. "Ja das war auch ein harter Tag für den Kleinen." André rannte aus dem Haus zu einen eingewachsenen Wohnwagen ohne Räder. Ein schrottreifer Pkw parkte seitlich davon. Er schmunzelte und kehrte wieder um. "Ist schon weg oder?" "Nein er ist mal wieder in sein Behandlungswagen eingeschlafen. Ist ja auch nicht mehr der jüngste." Er begann in einem Müllberg zu wühlen. "Was machst du da?" "Suche was trocknes für den Kleinen. Du weißt doch, das ich Müll sammeln gehe und für unseren Clan hier weiterverkaufe. Letzt hatte ich eine Frau getroffen die mir anbot die Sachen auf ihren Speicher zuverkaufen. Dabei hab ich einen Strampler gefunden, der ihm passen könnte und sogar Windeln also unbenutzt natürlich. "Ist sie die Mutter?" "Nein sie hatte ihre Enkelin in Pflege und die Packung ist übrig geblieben." "Und diese Enkelin." "Hab ich gesehen. Als es die Mutter vorbei gebracht hatte vor einigen Tagen. Ein Mädchen kein Junge. Bitte schön. Zwar etwas weiblich für einen Kerl aber fürs erste schon mal okay." Tina rubbelte den Kleinen noch etwas trocken und verpasste ihm dann die frische Sachen. "Prima das passt alles. Dann ab zu Heinz bevor er vielleicht doch noch geht." Tina schnappte ihn sich wieder und ging voran. Am Wohnwagen angekommen klopfte André heftig dagegen. "Heinz wach auf bitte." "Ja ja komm ja schon. Alter Mann ist kein D Zug. Wer ist krank?" "Schaust du dir den Kleinen an?" Ohne weitere Fragen übernahm er den Kleinen, der sofort zu schreien begann als ginge es um sein Überleben. "Du hast aber ein lautes Organ Kerlchen.  Ja ja der böse böse Onkel Docktor. Der tut dir aber nicht weh versprochen." Schluchzend lies er sich nun mitnehmen. Tina und André folgten ihnen in den Wohnwagen. Besorgt verfolgten sie die Untersuchungen. "Sieht alles ganz gut aus. Wo habt ihr ihn denn gefunden." "Er schwamm im Fluss wahrscheinlich irgendein Unfall." "Das Zeug da hat er alles also von euch? Na nu das ist ja seltsam." "Was hat er?!" "Euer Findling ist blind. Seine Pupillen reagieren nur schwach auf mein Licht." "Sieht er dann noch etwas?" "Ich bin kein Augenarzt und kein Kinderarzt aber er sieht eindeutig kaum das Licht hier." "Du armes kleines Kerlchen." Tina nahm den schon wieder kläglich weinenden Jungen auf den Schoss. "War wieder ein behindertes Kind zu zeitaufwendig was!" Der alte Mann war aufeinmal ziemlich sauer. "Es kann doch immer noch ein Unfall gewesen sein." "Du glaubst eben noch an das Gute im Menschen." Heinz stieg mühsam aus dem Wohnwagen. "Was ist den mit Heinz los?" "Er musste wohl wieder an seine Frau denken." "An seine Frau?" "Ja er hat sie hier in der Gilde kennengelernt. Vor ein paar Monaten ist sie altersbedingt gestorben." Wieder begann der Kleine zu schreien. "Ja Kleiner du darfst jetzt wieder ins Warme." Sie brachten ihn zurück. Der Kleine schlief ganz friedlich auf Andrés Bauch, der wiederum gar nicht schlafen konnte, da er über den Kleinen wachte und zusätzlich seine Traumfrau nicht mal eine ganze Armlänge von ihm entfernt lag.

Zweiter Advent:
Die Sonne schien André ins Gesicht. Verschlafen streckte er sich und machte die Augen auf. "Guten Morgen du Schlafmütze. Hier ein bisschen vom Essen. "Danke. Wie geht's dem Kleinen?" "Hungrig aber er ist putzmunter. Für das, das ihm sein kleines Abendteuer beinahe das Leben gekostet hätte." "Heute geh ich dann mal seine Eltern suchen. Ich will ihn zwar nicht mehr hergeben aber der Kleine hat schließlich schon ein Zuhause." "Ja. Ich würde den Süßen auch gern behalten. Hilft ja nichts. Übrigens Peter wartet auf dich." André aß auf und eilte zu dem alten Mann, den er als Häuptling bezeichnet hatte. "Da bist du ja." "Tut mir Leid, die Nacht gestern war etwas lang." "Schon in Ordnung. Ich möchte zur Vorsicht unsere Vorräte aufstocken. Meine alten Knochen sagen mir, dass dieser Winter hart wird." "Okay. Ich nehme an ich soll dir bei der Suche helfen." "Ganz recht. Wir haben zu dem einen verletzten Hirsch zu erlegen. Der füllt unser Vorräte gut." "Haben wir denn genug Hirsche?" "Genug um den Bestand nicht zu gefährden." "Okay. Dann mal los." André schnallte sich das Gewehr um und ging voraus. "Peter? Peter wo bleibst du denn?" "Psst du verscheuchst doch das Wild. Mensch. Was hab ich dir denn bloß beigebracht?" "Ich konnte doch schießen als ich herkam und zudem ist das auch mein Gewehr." "Ja Tontauben prima. Da lernst du doch nicht so zu schießen, das das Tier nicht leiden muss. Da!" "Ach du scheiße was ist den mit dem passiert? Das Bein ist ja total verstümmelt." "Ich vermute eine Bärenfalle. Ich bin erst heute Morgen beinahe in eine hinein getreten." "Hast du dich verletzt?" "Nein. Ich hab sie ja gerade noch rechtzeitig unter dem Laub gesehen und sie mit einem Ast entsorgt." "Du bist also wirklich nicht verletzt?" André richtete sein Gewehr auf den schon sehr geschwächten Hirsch und drückte ab. "Echt schade um das prachtvolle Tier." "Es musste sein. Glaub mir Junge." "Weiß ich doch. Peter kannst du mich den Rest des Tages entbehren?" "Wieso? Keine Lust zu arbeiten?" "Nein du weißt doch der kleine Junge. Ich muss doch noch seine Mutter suchen. Geht das klar?" "Mal ehrlich Junge glaubst du immer noch an einen Unfall? Lass das mal die Jungs machen und komm mit." Peter ging genüsslich voran zu diesem breiterem Haus und tratt hinein. André folgte ihm. "Setzt dich." Er nahm auf eine der vielen Decken Platz. Auch der Häuptling tat es ihm stöhnend gleich. "Es gibt Eltern, die ihre Kinder über alles lieben. Es gibt aber auch Kinder, die von ihren Eltern gehasst oder getötet werden." "Es war bestimmt nur ein Unfall." "Und wie soll das gegangen sein? Der Kleine kann noch nicht krabbeln und zudem war er nackt als du ihn aus dem Fluss gefischt hast." "Keine Ahnung vielleicht wollte sie ihn am Fluss baden." "Wieso sollte sie das tun?" "Wenn sie Arm sind so wie wir." "Und dann kann sie ihm Windel kaufen und badet ihn ohne die Windel auszuziehen." "Was weiß ich denn? Schwimmt den vielleicht jeden Tag ein hilfloses Baby durch den Fluss?" André wurde sauer und stand auf. "Er ist noch ein Baby. Du kannst deinen Kummer nicht mit seinem vergleichen." "Ganz recht. Ich werde dafür sorgen." "André!" Er hatte das Haus bereits verlassen. "Dieser naive Junge. Immer will er die Welt besser machen. Dabei war er schon seit ich denken kann ein richtiger Rebell. Stur wie der Vater." Der Mann legte sich auf die Decke und starrte zum Dach. André rannte verzweifelt zum Fluss. Er wollte nicht glauben, das jemand so herzlos sein konnte sein eigenes Baby auf solch brutale Art und weise zu entsorgen. Bis es dunkel wurde folgte er der Strömung aufwärts auf der Seite, auf dem er eins Holz sammeln war. In der Dämmerung überquerte er den Fluss und folgte dem Fluss abwärts. Erst als er übermüdet war sah er seine Niederlage ein und schlief am Flussufer ein.

Dritter Advent:

Etwas kaltes bemerkte André im Halbschlaf auf sich liegen. Um so wacher er wurde desto mehr begann es ihn zufrieren. Seine Kleidung war ganz hart und auch seine Augen waren wie zugefroren. Er brauchte einige Minuten bis es ihm gelang wieder Herr über seinem Körper zu werden. Um ihn herum war alles weiß. Schnee war gefallen. André hatte große Mühe auf die Beine zu kommen. Lag es nun daran das seine Kleidung starrgefroren war oder das er sich selbst wie ein Eisklotz fühlte. Jede Bewegung tat weh und krachte doch sein Instinkt trieb ihn zum Dorf zurück. Am Ende aller Kräfte sank er zu Boden. "André!" Erleichterung brach in ihn auf. Er hatte sein Ziel erreicht. Es war Tinas wohlklingende Stimme, die an sein Ohr drang. Halblebig nahm er etwas an seiner Wange war und dann wurde ihm auch schon schwarz vor Augen. Ein knisterndes Feuer bohrte sich in sein Unterbewusstsein. Ein komisches schmerzendes Gefühl breitete sich auf seiner Haut aus. Der Geruch von brennendem Nadelgehölz stieg ihm in die Nase. "Ich glaube er kommt zu sich", hörte er die besorgte Stimme von Tina. Wieder nahm er etwas an der Wange war. Nach einer Weile tat die Wärme jedoch weh und entpuppte sich als Schlag. Wieder überfiel ihn diese Eiseskälte. Sein heftiges Zittern konnte er nicht unterdrücken und schämte sich so gleich über seine eigene Dummheit. Peter drückte den ihn Decken gemummten André auf und drückt ihm einen dampfenden Becher an die Lippen. "Trink!", forderte er ihn auf. Das Getränk brannte auf seine Lippen, im Mund und auf den Weg in seinen Bauch. Der nächste Schluck tat gar nicht mehr so weh und spendete ihm die bitter notwendige Wärme. Als die Tasse leer war mässigte sich auch sein Gezittere. Er hörte das Peter zu seiner Rechten aufstand und ging. Währenddessen spürte er, das Tina an seine andere Seite gerutscht war. "Dein Pflegepapa ist wieder in Ordnung Kleiner." "Hat er wieder geschrien?" "Ja und wie. Was ist denn passiert? Wieso warst du halb erfroren?" "Missgeschick bei der Suche seiner Eltern. Danke für die Pflege." "Bedank dich bei Peter ohne ihn wärst du wahrscheinlich nicht mehr aufgewacht." "Das mach ich." "Hast du die Mutter oder den Vater gefunden?", fragte sie kurze Zeit später etwas abwesend. "Nein leider nicht." "Dann hast du das hier wohl am Fluss gefunden oder?" Sie hielt einen zerrissen, dreckigen Strampler hoch. "Ehrlich gesagt weiß ich das nicht mehr aber das werd ich wohl haben." "Du armes Kerlchen. Deine Eltern hatten dich echt nicht lieb. Dabei bist du doch so ein hübsches Kerlchen und wie brav du immer bist. Naja dann sorgen wir uns eben jetzt um dich." "Wir?" "Ja. Er hat niemanden und er vertraut uns. Schau nur er ist total zufrieden." Der Kleine lag Daumen lutschend in ihren Armen. "Sieht so aus aber wenn der Kleine nun zu uns gehört sollten wir ihm auch einen Namen geben." "Du hast recht aber wie soll er den heißen. Jonas ist schon vergeben so wollte ich meinen Kleinen nennen." "Ich dachte du bekommst ein Mädchen?" "Nein nein das war ein Junge. Sehr aktiv wenn du mich fragst. Ähm .... Mach mal ABC." "Okay." Sie stoppte ihn bei K. "K? Oh je der einzige wo mir nichts einfiel." "Kristian aber auf keinen Fall so heißt mein Vater." "Das schreibt man doch mit C." "Mein Vater schreibt sich mit K. Wie wär's mit Kevin." Beide schauten auf den Kleinen, der freudig mit seinen Fingern spielte. "Warum nicht? Er scheint ihn nicht blöd zu finden. "Okay dann heißt du ab heute Kevin." Ein lachendes Geräusch kam von dem Kleinen. Mit der kommenden Nacht verlangte der Kleine nach André. Da er nun nicht mehr ganz so kalt war erlaubte er es ihm und nahm ihn mit unter die Decken.

 

Vierter Advent

Ein lautes Klopfen riss André aus dem Schlaf. Panisch rüttelt er ohne irgendwelche Worte Tina wach und deutet ihr leise zu sein. Er überreicht ihr das Baby und zeigt auf seinen Müllberg. Erst als die Beiden dahinter verschwunden waren öffnet er die Tür. Ein Polizist stand mit grimmiger Mimik vor ihm. "Sie schon wieder. Ich hab ihnen schon einmal gesagt ohne Durchsuchungsbeschulss lass ich sie nicht rein." "Was ist das für ein Müll." "Es geht sie nichts an was ich in meinem Haus habe. Finden sie lieber endlich den Brandstifter, der das ganze Dorf hier niedergebrannt hat und zu dem rund achtzig Tode gefordert hat. Schönen Tag noch. André knallt die Tür zu und schnappt sich eine Digitalkamera. "So nicht Bürschen." In genau dem Moment wo er die Tür eintritt fotografiert André "So jetzt werde ich sie anzeigen. Ach besser noch ich übergebe es gleich ihrem Chef. Wozu kenne ich ihn den persönlich." "p ... per .... persönlich." "Ja und vielleicht erzähl ich dem Kristian auch gleich von meinem Verdacht." "Was für ein Verdacht." "Sie haben etwas gegen das Dorf, ermitteln nicht richtig und lungern immer zu hierum aber erst seit dem Brandt. Was Glauben sie was er dazu sagen wird?" "Das reicht doch niemals aus um mich los zu werden." "Das vielleicht nicht aber es reicht um sie in den Kreis der Verdächtigen zu rücken und als einzelner mit so vielen Feinden und Verwarnungen ... hm ich glaube da hätten sie ganz schlechte Karten." "Schickt von Oberfischbach jetzt schon Polizeischüler in den verdeckten Dienst." Der Beamte suchte das Weite. "Dein Vater ist bei der Polizei?" "Ja leider. Hohes Tier zu sein tut dem gar nicht gut." "Sagmal hast du das alles über den gewusst?" "Nein alles nur geflunkert." "Man das war aber gefährlich." "Ich fange immer Fische im trüben Gewässer." André lachte und nahm wieder den Kleinen zu sich. "Mal eine dumme Frage. Was machen wir wenn die Windeln leer sind oder er wächst. Mein Müll ist nur ein paar Cent wert und verkauft sich auch nicht immer so gut." "Ja das ist in der Tat ein Problem. Auch dieser Polizist. Kevin muss nur einmal schreien und wir sind dran wegen Kindesentführung. Zu dem können wir ihn hier nicht richtig ernähren und ein blindes, obdachloses Kind. Ich weiß nicht ob das gut geht." Beide schauten gekränkt den Kleinen an, der nun gerade aufwachte. "Ich glaube Peter erwartet von mir das ich ihn ins Heim bringe." "Dort hätte er es schön warm und auch immer genug zu essen und dazu bekommt er die Chance Bildung zu bekommen." "Ja scheint so als wäre das die Beste Lösung." "Sieht so aus." Gekränkt starrten sie den Kleien eine Weile an. Erst als sich André aufrichtete und sagte: "Es ist besser so." wurde das Schweigen unterbrochen. Tina richtete sich selber auch auf und nickte mit Tränen in den Augen. Schweren Herzens brachen sie auf. Die Reise in die Stadt nahm einen halben Tag auf sich, die aber komplett in bedrücktes Schweigen gehüllt war. Auch als sie das Waisenhaus erreicht hatten blieb jedes Wort in Andrés Hals stecken. Die Frau vom Heim bekam richtig Mitleid mit den Beiden und zögerte deshalb ihnen das Baby abzunehmen. Kaum war er auf ihren Arm schrie der Kleine so laut er konnte. Diesmal half auch kein Gerede mehr. Es raubte André eine Menge Kraft einfach zu gehen und Tina mit zu zerren. Am Abend jedoch verweigerte er das Essen und setzte sich an den inzwischen zugefrorenen Fluss. Minuten später war er nicht mehr traurig über den Verlust sonder wütend. Er stampfte so lange auf der Eisplatte rum bis sie Risse bekam und Peter in runterzog. "Verdammt nochmal. Eine lebensgefährlich Unterkühlung reicht. Ich weiß, das du den kleinen Kevin ins Herz geschlossen hast aber glaub mir es war die richtige Entscheidung." "Und warum fühlt es sich dann so verdammt falsch an." "Weil du sein Beschützer sein willst und bist. Du kannst nicht über ihn wachen wenn er einen halben Tagesmarsch von hier weg ist. Das ist das was dir so weh tut." "Warum hast du eigentlich immer auf alles eine Antwort?" "Was erwartest du von einem der seit hundert Jahren am Leben teilnimmt?" "Hundert?" "Fünfundzwanzig Tage vor Weihnachten werde ich immer ein Jahr älter. Als Obdachloser kriegt man das nicht so mit man hat anderes im Kopf aber ehrlich gesagt fühlt man sich ohne dieses Wissen eindeutig jünger." "Du hast sechzig erwartet oder?" "So dachte ich immer." "Darf ich fragen wie du das Feuer damals überlebt hast?" "Ich war Kräuter sammeln. Wie du weißt waren wir hier ein sehr armes Dorf. Eins meiner zwei Kinder war schlimm erkältet. Na ja und als ich zurück kam war alles so gut wie schon niedergebrannt. Jetzt ist es schon fünfzig Jahr her. Ich hab mir die Finger wund geschrieben das man uns hilft. Doch wir, das Rattenloch waren schon immer ein Schandfleck für die Stadt und so hat man uns einfach dem Schicksal überlassen." "Aber nicht mit dir. Du hast das Dorf wieder aufgebaut und es von Anfang an mit deinem Wissen versorgt." "Ich hatte keine andere Wahl. Die meisten waren verletzt und konnten sich nicht selbst versorgen. Ich war immer ein Menschen der dem Gesetz folgte doch nachdem uns die Stadt so in den Kessel nahm vergaß ich eben meine Prinzipen. Ich ging jagen und holte Planzen aus den Wald, baute diese Häuser und säte Planzen, stahl auch wenn es nicht anders ging in der Stadt. Ich wollte zu oft die Stadt dafür bluten lassen das uns die Regierung im Stich lies und uns selbst die letzte Überlebenschance verbat. Ich saß so gar mal im Gefängnis nur weil ich überleben wollte und andere retten. Acht Leute sind in dieser Zeit gestorben. Junge versprichst du mir was?" "Ich werde mich um das Dorf kümmern versprochen aber zu erst lernst du mich aus okay. Du bist noch viel zu fit um auf alter Mann zu machen." Beide lachen und kehren ins Dorf zurück.

 

Weihnachten

Nun war Heilig Abend. André vermisste den Kleinen immer noch sehr. Doch besuchen wollte er ihn einfach nicht, da er den erneuten Trennungsschmerz nicht fühlen wollte. Tina hingegen ging beinahe jeden zweiten Tag in die Stadt zu dem Kleinen. So fern sie eben einen ganzen Tag opfern konnte. André saß dann meistens am Fluss und starrte auf den nun wieder aufgetauten Fluss. Wie schon so oft in letzter Zeit gesellende sich Peter zu ihm. "Ich dachte eigentlich das du die Zeit nutzt um nach dem Kleinen zu sehen." "Ich kanns einfach nicht. Ich weiß noch wie er geschrien hat als wir ihn da zurück ließen. Ich weiß von Tina das der Abschied immer noch schwer ist." "Er vermisst uns eben." Tina kam hinzu und legte ihre Arme um seine Schultern. "Komm schon steh auf. Wir gehen gemeinsam hin." "Ich kann nicht verdammt nochmal." Er richtete sich auf und ging näher an den Fluss. Tina aber lies nicht locker und ging ihm nach. "Du fehlst ihm und er dir. Jetzt sei doch nicht so ein sturer Bock und komm mit mir." André wollte etwas sagen doch Tina kam ihn zu vor. "Ich akzeptiere kein nein. Tu es wenigstens für den Kleinen." Tina zog ihn einfach mit sich. In der Stadt angekommen stand plötzlich die Frau aus dem Heim vor ihnen. Sie hielt etwas eingewickeltes vor sich das kläglich weinte. "Ich hatte gehofft sie zu finden. Eigentlich darf ich das nicht aber der Kleine weint immer so schrecklich wenn sie nicht da sind." Die Frau legt Kevin in die Arme, des noch völlig verwirrten Andrés. Schlagartig hört er auf zu weinen und gibt zwei Laute von sich die André als Papa ein ordnete. "Ja Kleiner ich bin's. Bist aber kräftig geworden." Wieder machte er diese beiden Laute und schlief ein. André setzte sich auf eine Bank und merkte nicht wie Tina mit der Frau fort ging und ein Mann auf ihn zu kam. "André?", fragte zitternd eine Männerstimme. André blickte geschockt auf. Sein Vater stand vor ihm. "Ich bin noch gut genug das du mit mir sprichst." zischte er möglich leise um den Kleinen nicht zu wecken. Dabei aber seinen Zorn außen vor zu lassen gelang ihm nicht. "Es war ein riesen Missverständnis." "Ach ja." "Ja bitte Junge komm wieder nach Hause." "Ich bin nicht freiwillig gegangen Papa!" "Das Schloss ich weiß. Ich musste es auswechseln lassen." "Glaubst du ich bin doof?! Du bist so ein Feigling. Ich war für dich eine Schande weil ich einen einzigen Zweier zwischen lauter Einsen hatte. Dabei hattest du weit aus schlechtere Noten. Ach und als wär der das mit dem Rausschmiss nicht schlimm genug sorgst du gleich mal dafür das ich kein Job und keine Wohnung bekomme. Du bist hier die wirkliche Schande der von Oberfischbachs." "Ja ist wohl so. Tut mir Leid das ich so ein Arsch war. Ich will es wieder gut machen. Sag mir nur wie." "Wie? Das kannst du niemals wieder gut machen." Kevin wacht auf und beginnt zu schreien. "Verzeih mir Kleiner ich wollte nicht laut werden. "Bist du etwa Vater?" "Als könnt man eine Frau abschleppen wenn man in einem abgebrannten Dorf lebt." "Waisenkind verstehe. Ich sorg dafür das er ein Zuhause bekommt." "Du bist immer noch der Typ, der denkt man kann sich Liebe erkaufen. Kevin braucht keine Luxusvilla mit Eltern die nie da sind. Er braucht Eltern die für ihn sorgen und mit seiner Blindheit zurecht kommen." "Du magst ihn?" "Ja sehr aber leider kann ich mich nicht um ihn kümmern." "Ich weiß ich hab mir bei dir alles kaputt gemacht aber lass mich dich wenigstens wieder von der Straße holen bitte. Ich geb dir und dem Kind ein neues Zuhause." "Mein Zuhause ist das Dorf am Fluss." "Das Ratenloch?!" "Eben du verstehst mich nicht" "Nein warte okay. Wenn das dein Wunsch ist. Ich lass das Dorf wieder aufbauen." "Die Leute dort haben kein Geld." "Ich übernehme Baukosten und Steuern. Die Leute bekommen auch Verträge, das sie so lange bleiben dürfen wie sie wollen und man kann auch keine Miete von ihnen oder was auch immer verlangen einverstanden." "Schriftlich Papa." Es geschah alles wie besprochen. Das Dorf wurde wieder aufgebaut und André, Tina und Kevin wurden eine Familie. Peter wurde hunderfünfundzwanzig Jahre alt und leidenschaftlicher Opa von Kevin. Er brachte Kevin und seine Urenkeln alles bei was er wusste und so ist auch heute noch das Dorf rein Landwirtschaftlich und unabhängig.